Das Wort zum Sonntag vom 31.01.2004 gesprochen von

Stefan Jürgens (katholischer Pfarrer aus Cloppenburg)

Immer erreichbar

 

"Und bitte vergessen Sie nicht Ihr Handy auszuschalten!" – Ob ich im Theater bin, im Konzert oder im Kino, immer wieder höre ich das: "Handy abschalten nicht vergessen!"

Sogar im Gottesdienst habe ich mich daran gewöhnt, dass es hin und wieder piept. Besonders heftig klingelt es bei Taufen und Trauungen. In der Messfeier gehört das Klingeln eigentlich zu den Aufgaben der Messdiener.

Letztens ertönte beim Wort über Brot und Wein ein Handy. Da ließen die Messdiener das Klingeln sein. Nach dem Gottesdienst habe ich dann an unsere Kirchentür ein Schild gehängt. Darauf steht: "Unsere Pfarrkirche ist ein handyfreie Zone. Sollten Sie dringenden Kommunikationsbedarf haben, so wählen Sie unsere Hotline 5015." Darunter steht Psalm 50, Vers 15: "Rufe mich an am Tag der Not; dann rette ich dich, und du wirst mich ehren."

Na klar, es gibt gute Gründe erreichbar zu sein. So ein Handy ist echt praktisch. Aber eben nicht immer. Manche meiner Gemeindemitglieder ärgern sich darüber, dass ich noch immer keins besitze. "Sie sind ja nie erreichbar", sagen sie dann. Das ist sicher übertrieben. Ansprechbar bin ich schon, aber immer erreichbar bin ich nicht.

Das ist nur Gott allein. Nur er ist immer zu sprechen. Manchmal denke ich, wir wollen sein wie Gott: zeitlos, allmächtig und immer erreichbar. Und damit überfordern wir uns selbst.

Zeitlos, ewig jung: Junge Menschen machen Werbung für schöne Produkte. Aber: So jung und schön ist das Leben doch gar nicht. Es gibt viel Leben das ist alt und manchmal gar nicht mehr schön, aber immer noch liebenswert.

Uns sogar allmächtig: Menschen wollen alles können und alles machen. Sogar den Sinn des Lebens wollen einige schon machen können. "Das macht Sinn", sagen sie. Ich hör das oft. Aber ich finde diese Redewendung verräterisch: "Das macht Sinn." Sinn kann man nicht machen. Entweder etwas hat Sinn, oder es hat eben keinen. Gut, dass wir nicht alles machen können. Nicht wir sind die Macher des Lebens. Wir machen einfach keinen Sinn, wir haben ihn schon.

Und schließlich immer erreichbar: Das ist niemand von uns. Gott sei Dank! Denn wir sind Menschen und nicht Gott. Wenn wir sein wollen wie Gott, dann überfordern wir uns selbst. "Wir machen das! – Wir schaffen das! – Wir haben alles im Griff!" Damit schaffen sich viele noch zu Tode.

Der Glaube an Gott hilft mir, gelassener zu werden. Er macht mir Mut, Mensch zu bleiben in aller Freiheit und Bescheidenheit. Mit Gott bleibe ich Mensch. Ich kann gar nicht allen Anforderungen entsprechen, die an mich herangetragen werden. Vielmehr darf ich mich so sehen, wie Gott mich sieht. Weil er ewig ist, muss ich nicht mehr zeitlos sein. Weil er mich geschaffen hat, muss ich mich nicht andauernd selbst produzieren. Mein Leben hat schon seinen Sinn – von ihm her.

Meine "Hotline" heißt Psalm 50, Vers 15: Ich rufe Gott in der Not meiner vielen Aufgaben und Anforderungen, und er rettet mich davor, den Überblick zu verlieren. Er gibt mir einen Sinn für das Wesentliche. Und das bedeutet für mich: Aufmerksamkeit für mich selbst, für gute Beziehungen, für Gebet und Gespräch. Deshalb muss ich nicht an Überforderung sterben. Die Welt ist bereits erlöst, und das hat ein anderer getan. Ihn, Jesus Christus, darf ich morgen wieder mit meiner Gemeinde feiern.

Ich wünsche uns einen guten Sonntag. Einfach nur um Mensch zu werden.

 

 

 

Stefan Jürgens, geb. 1968 in Steinfurt-Borghorst, Priesterweihe 1994, ist Geistlicher Rektor der Katholischen Akademie und Heimvolkshochschule "Kardinal-von-Galen", Leiter des Exerzitien- und Begegnungshauses "Emmaus" sowie Pfarrer der Heilig Kreuz-Gemeinde in Cloppenburg-Stapelfeld. 

 

Bis 2002 war er Landesjugendseelsorger und Präses des BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend, Landesverband Oldenburg).

 

Bereits 1986 legte er das C-Examen für Kirchenmusik ab, machte 1987 Abitur und studierte dann bis 1992 katholische Theologie in Münster und Freiburg. Weitere Stationen waren das Diakonat in Bocholt und die Kaplanszeit in Ahaus, bis es 1997 in die Jugendseelsorge nach Vechta ging. Das jetzige Arbeitsfeld ist die Erwachsenenbildung: Seminare zu pastoralen und theologischen Themen, Exerzitienarbeit, geistliche Begleitung von Einzelnen und Gruppen.

 

Neben seinem Dienst als Seelsorger engagiert er sich vor allem musikalisch – durch das Singen geistlicher Lieder am Klavier, durch Konzerte und deren Ausgestaltung durch Bilder und Meditationen. Erste Kontakte in die Medienwelt gab es durch Morgenandachten und Rundfunkübertragungen von Gottesdiensten, aber auch durch die Mitarbeit bei Zeitungen und Zeitschriften.

 

Stefan Jürgens bezeichnet sich selbst gerne als "Spielmann Gottes". Er kann sich begeistern für die Klänge der Musik und für den Klang der Sprache. Musik und Sprache versuchen beide, das Unsägliche zu sagen: mit neuen Tönen, mit neuen Worten.

 

 

Veröffentlichungen:

 

"Aufbruch in die Weite" und "Gedichte an den Himmel" sind Foto-Lyrik-Bände mit christlicher Perspektive. Naturfotografie von Willi Rolfes, Texte von Stefan Jürgens. Erschienen im dialogverlag Münster. Weitere Projekte sind in Arbeit.

 

"Du! Gebete zum Sammeln. Für Jugendliche und andere, die Gott suchen" ist eine aus der praktischen Jugendpastoral entstandene Sammlung von Gebeten für Jugendliche und andere. Herder-Verlag Freiburg.

 

"Wasser – Quelle des Lebens" ist ein Bildband zum internationalen Jahr des Wassers und darüber hinaus. Tecklenborg-Verlag Steinfurt.